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Wie viel darf Accessibility kosten?

19. April 2026

Am liebsten gar nichts.

Das ist die ehrliche Antwort, auch wenn viele Unternehmen es natürlich hübscher formulieren würden. Nach aussen klingt es dann eher so:
„Ein total wichtiges Thema.“•
„Finden wir super spannend.“
„Müssen wir unbedingt mitdenken.“
„Lassen Sie uns da auf jeden Fall zusammenarbeiten.“

Wie viel darf Accessibility kosten?

Alle wollen Accessibility. Bezahlen will sie kaum jemand.

Das Muster ist immer gleich.

Im Erstgespräch sind alle begeistert. Man wird mit Interesse überschüttet. Es werden kluge Fragen gestellt. Das Thema wird als zukunftsweisend, relevant und gesellschaftlich wichtig beschrieben. Manche geben sich beinahe euphorisch.

Am Ende fallen dann die obligatorischen Sätze:
„Wir melden uns wieder.“
„Wir wollen unbedingt mit Ihnen zusammenarbeiten.“
„Das war total wertvoll.“

Und dann?

Dann wird Accessibility als Erstes aus dem Projekt gestrichen, sobald es irgendwo um Budget, Zeit oder Prioritäten geht. Dann ist plötzlich doch „gerade kein Raum dafür“. Dann wird aus der angeblich so wichtigen Barrierefreiheit wieder genau das, was sie in vielen Firmen schon immer war: ein Image-Accessoire ohne echte Zahlungsbereitschaft.

Denn solange Accessibility vor allem für Präsentationen, Leitbilder und LinkedIn-Posts gebraucht wird, ist sie willkommen. Sobald sie aber echte Arbeit, echte Konsequenzen und echte Rechnungen bedeutet, wird es still.

Sehr still.

Und dann melden sie sich nicht wieder.

Oder, fast noch dreister: Sie melden sich Wochen später doch noch einmal. Nicht mit einem Auftrag, selbstverständlich. Sondern mit einer „ganz kurzen Frage“. Einer „kleinen Einschätzung“. Einer „schnellen Rückmeldung“, die man „vielleicht unkompliziert per Mail“ geben könne.

Wer in diesem Bereich arbeitet, kennt die Übersetzung solcher Formulierungen längst:
Aus „kurz“ werden zwei Stunden.
Aus „eine kleine Frage“ wird eine fachliche Einordnung mit Risikoabwägung.
Aus „nur eine Mail“ wird unbezahlte Beratungsleistung.

Man investiert Zeit, Erfahrung, Konzentration und Sorgfalt. Man antwortet ordentlich, weil man professionell arbeitet. Und danach? Nichts. Wieder nichts.

Kein Auftrag.
Keine Vergütung.
Keine weitere Rückmeldung.

Aber die Information wurde natürlich gern mitgenommen.

Accessibility wird behandelt wie ein kostenloses moralisches Extra

Genau das ist der Kern des Problems: Accessibility wird in vielen Unternehmen nicht als Fachdisziplin betrachtet, sondern als moralisch aufgeladenes Extra, das möglichst nichts kosten soll.

Man findet das Thema „wichtig“, solange andere die Kosten tragen.
Man findet Inklusion „zentral“, solange sie nicht in die Aufwandsschätzung rutscht.
Man findet Barrierefreiheit „richtig“, solange niemand dafür ein Budget freigeben muss.

Mit anderen Worten: Viele Firmen lieben die Idee von Accessibility. Sie hassen nur den Teil, in dem man sie ernsthaft umsetzt.

Das ist bequem. Und billig. Vor allem auf Kosten anderer.

Accessibility-Testing ist keine kleine Gefälligkeit

Viele haben bis heute nicht begriffen, was Accessibility-Arbeit eigentlich ist. Sie stellen sich darunter eine Art freundliche Schlusskontrolle vor. Ein bisschen durchklicken. Ein paar Hinweise geben. Fertig.

Das ist ungefähr so realistisch, wie eine Sicherheitsprüfung als „kurzes Drüberschauen“ zu beschreiben.

Accessibility-Testing ist eher wie eine manuelle Sicherheitsprüfung in der IT: systematisch, detailreich, fehlerkritisch, zeitaufwändig und mit realen Folgen, wenn man schlampig arbeitet.

Es ist wie eine Compliance-Prüfung: Es geht nicht um Geschmack, sondern um Anforderungen, Nachvollziehbarkeit, Ausnahmen, Risiko und saubere Bewertung.

Es ist wie juristische Vertragsprüfung: Kleine Details können grosse Auswirkungen haben. Man muss präzise arbeiten, Zusammenhänge verstehen und Aussagen verantworten können.

Es ist wie manuelle Qualitätssicherung komplexer Software: Nicht nur „geht irgendwie“, sondern funktioniert es wirklich unter realen Bedingungen, mit unterschiedlichen Eingabemethoden, in Fehlerfällen, mit Screenreader, per Tastatur, in Formularen, Dialogen und dynamischen Zuständen?

Und es ist wie Bauabnahme: Es reicht nicht, dass etwas oberflächlich fertig aussieht. Entscheidend ist, ob es in der Praxis tatsächlich benutzbar ist.

Wer erwartet, dass all das schnell, nebenbei oder zum Freundschaftspreis erledigt wird, würde wahrscheinlich auch gern ein Rechtsgutachten, ein Sicherheitsaudit und eine technische Abnahme gratis bekommen. In anderen Branchen würde man über so eine Erwartung lachen. Bei Accessibility wird sie erstaunlich oft ganz selbstverständlich vorgetragen.

Die Gratismentalität ist kein Versehen mehr

Man kann über einzelne Fälle grosszügig hinwegsehen. Nicht jeder potenzielle Kunde meint es böse. Nicht jede Anfrage ist kalkulierte Ausnutzung.

Aber irgendwann muss man die Dinge beim Namen nennen: Das System hat sich daran gewöhnt, Accessibility-Expertise billig oder kostenlos abzugreifen.

Da wird Wissen abgeschöpft, ohne Auftrag.
Da werden Einschätzungen eingeholt, ohne Bezahlung.
Da wird stundenlange Facharbeit als „kurze Vorabfrage“ getarnt.
Da werden Menschen mit hoher Spezialisierung so behandelt, als sollten sie dankbar sein, überhaupt gefragt zu werden.

Das ist nicht bloss unprofessionell. Es ist parasitär.

Denn es lebt davon, dass Accessibility-Fachleute engagiert sind. Dass sie helfen wollen. Dass sie das Thema ernst nehmen. Dass sie sich verantwortlich fühlen. Genau diese Haltung wird dann ausgenutzt.

Und am Ende heisst es wieder: „Dafür haben wir leider kein Budget“

Natürlich nicht.

Für Hochglanz-Strategien ist oft Budget da.
Für Design-Relaunches ist Budget da.
Für Marketingkampagnen ist Budget da.
Für Innovations-Sprech und Imagepflege ist erstaunlich oft Budget da.

Aber sobald es um Barrierefreiheit geht, wird plötzlich gerechnet, gezögert, verschoben, gestrichen.

Dann heisst es, Accessibility sei „im Moment leider nicht priorisiert“. Als wäre das ein neutraler Sachzwang und keine klare Entscheidung. Als hätte irgendjemand von aussen verboten, hierfür Geld einzuplanen.

Nein. Es ist eine Prioritätensetzung. Und zwar eine, die sehr deutlich sagt: Andere Dinge sind uns wichtiger als Zugänglichkeit.

Man kann das entscheiden. Aber man sollte dann wenigstens den Mut haben, es ehrlich auszusprechen.

Barrierefreiheit ist nicht teuer. Ignoranz ist teuer.

Der absurde Teil an der Debatte ist ja: Viele Firmen tun so, als sei Accessibility der ruinöse Luxusposten im Projekt.

Dabei ist meistens das Gegenteil der Fall.

Teuer wird es, wenn man sie ignoriert.
Teuer wird es, wenn man sie spät entdeckt.
Teuer wird es, wenn nachträglich repariert werden muss, was von Anfang an hätte mitgedacht werden sollen.
Teuer wird es, wenn Produkte Menschen ausschliessen, Beschwerden entstehen, Vertrauen verloren geht oder rechtliche Risiken wachsen.

Barrierefreiheit ist nicht übertrieben aufwändig, weil Fachleute sich etwas ausdenken, um Projekte teurer zu machen. Sie ist aufwändig, weil Gründlichkeit aufwändig ist. Weil Qualität aufwändig ist. Weil echte Nutzbarkeit nicht aus schönen Absichten entsteht, sondern aus Arbeit.

Und Arbeit kostet Geld.

Diese Erkenntnis ist in jeder anderen professionellen Disziplin banal. Nur bei Accessibility wird noch immer so getan, als sei schon die Rechnung selbst ein Problem.

Das freundliche Interesse ist oft nur kostenloser Rohstoffabbau

Das klingt hart. Ist aber leider oft ziemlich nah an der Realität.

Viele Erstgespräche dienen nicht der Auftragsklärung, sondern der kostenlosen Wissensabschöpfung. Man möchte verstehen, was zu tun wäre, wo Risiken liegen, wie aufwändig es ist, was man argumentativ intern verwenden kann, welche Normen betroffen sind und wie man sich möglichst clever positioniert.

Dafür lädt man Expertise ein. Man signalisiert Ernsthaftigkeit. Man lobt die Kompetenz. Man verspricht Anschluss.

Und sobald genug Information eingesammelt wurde, verschwindet man wieder.

Was zurückbleibt, ist nicht nur verlorene Zeit. Es ist das Gefühl, als Fachperson benutzt zu werden: als kostenfreie Vorstufe zu einer Entscheidung, bei der man selbst gar nicht mehr vorkommt.

Wie viel darf Accessibility also kosten?

So viel, wie sorgfältige, spezialisierte und verantwortungsvolle Facharbeit eben kostet.

Nicht null.
Nicht symbolisch.
Nicht „erst mal unverbindlich und dann schauen wir weiter“.
Nicht in Form von stundenlangen Mails, die als kleine Rückfrage getarnt werden.
Nicht mit der Erwartung, dass Engagement die fehlende Zahlungsbereitschaft ersetzt.

Wer ein Sicherheitsaudit will, bezahlt dafür.
Wer juristische Prüfung will, bezahlt dafür.
Wer eine technische Abnahme will, bezahlt dafür.
Wer qualifizierte Accessibility-Beratung, Tests, Bewertungen und Einordnungen will, bezahlt dafür ebenfalls.

Alles andere ist keine Wertschätzung. Es ist Ausbeutung mit freundlicher Tonlage.

Vielleicht ist die eigentliche Frage eine andere

Nicht: Wie viel darf Accessibility kosten?

Sondern:
Wie lange wollen Unternehmen noch so tun, als sei die Arbeit anderer am wertvollsten, solange sie gratis ist?

Denn genau das passiert hier viel zu oft.

Accessibility soll wichtig sein, aber bitte nicht teuer.
Sie soll professionell sein, aber bitte nicht kostspielig.
Sie soll gründlich sein, aber bitte nicht zeitintensiv.
Sie soll Menschen Teilhabe ermöglichen, aber bitte nicht zulasten des Projektbudgets.

Das ist keine ernsthafte Haltung. Das ist Selbsttäuschung.

Wer Accessibility wirklich wichtig findet, muss bereit sein, sie zu bezahlen. Alles andere ist PR.

Und wer Fachleute immer wieder für kostenlose Vorarbeit, Gratis-Einschätzungen und stundenlange „Kurzantworten“ einspannt, sollte sich wenigstens eines nicht mehr einreden: dass es dabei um Inklusion ginge.

Es geht dann schlicht darum, möglichst viel Expertise herauszupressen, ohne sie vergüten zu müssen.

Das Problem ist nicht, dass Accessibility Geld kostet.
Das Problem ist, dass zu viele sie gern hätten, aber nicht bereit sind, ihren Wert anzuerkennen.